Was heißt denn schon „normal“?

Glauben Sie, dass Sie normal sind? Und wenn ja, nach welchen Kriterien beurteilen Sie das? Mir fällt in letzter Zeit häufiger als sonst auf, dass der Rahmen der sogenannten „Normalität“ immer enger gefasst wird. Natürlich mit der Folge, dass plötzlich auch immer mehr Menschen aus diesem Rahmen fallen. Betroffen davon sind vor allem Kinder.

„Wie, deine Tochter trägt nachts noch eine Windel?“, so die Frage, die ich neulich zu Ohren bekam. Schlagartig mit dem Alter von Fünf hat gelegentliches nächtliches Einpullern plötzlich eine medizinische Indikation. Dann heißt es Bettnässen und Kinder, die davon betroffen sind, erhalten einen Stempel. Vom Kinderarzt, von anderen Müttern, selbst von den eigenen Eltern, weil die sich vielleicht schämen und glauben, irgendetwas falsch gemacht zu haben. Gott sei Dank gehen wir zu einer Kinderärztin, die das gelassen sieht. Die den Druck rausnimmt und stattdessen Fragen stellt, die helfen können, dem, was ist, auf die Schliche zu kommen.
Jeder von uns ist ein Individuum. Jeder von uns sollte das Recht haben, sich so zu entwickeln, wie es seinem Wesen entspricht. In seinem eigenen Tempo, nach seinen eigenen Werten. Leider ist das Gesagte nur noch Makulatur auf einer Gesellschaftsnorm, die längst jeden aussperrt, der sich erlaubt nonkonform zu denken, oder gar zu handeln.

Ein weiteres gutes Beispiel dafür ist der Umgang mit Kindern, bei denen ADHS diagnostiziert wurde. Zweifelsohne sind die betroffenen Kinder eine Herausforderung für ihr Umfeld. Aber warum? Einzig und allein, weil unser Alltag, unsere Leben, unsere Anforderungen nicht für diese lebendigen und hochkreativen Kinder gemacht sind. Darum sind nicht die Kinder falsch, sondern das Drumherum, für das wir alle die Verantwortung tragen. Und weil wir nicht mehr in der Lage sind, das zu verändern und abweichendes Verhalten zu integrieren oder, wie es jetzt heißt zu inkludieren, wird die Pille gezückt und die Norm noch straffer gezogen.

Wissen Sie, was mich beruhigt, wenn es mich auch gleichzeitig ein wenig ängstigt? Die Tatsache, dass zu starre Strukturen irgendwann aufbrechen und das freigeben, was in ihnen steckt: Pure Lebendigkeit! Sprudelndes, pulsierendes Leben. Und vielleicht auch mal ein bisschen Chaos.

In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen einen Film ans Herz legen, der heute Abend in der ARD läuft. „Zappelphilipp“, ARD, 5. Dezember, 20.15 Uhr

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